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Werner-von-Siemens-Gymnasium
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Das neue Oberstufenfach: Darstellendes Spiel

ds_logo.gifUnsere sieben Jahrzehnte währende Tradition, zusätzlich zum normalen Unterricht freiwillig an der Schule Theater zu spielen, ob Krippenspiel, Singspiel oder Schauspiel, mündete, wie aus der Schulgeschichte ersichtlich, Anfang der achtziger Jahre in die Einführung des neuen Unterrichtsfachs "Darstellendes Spiel". Das bedeutet, daß man nun für seine Leistungen auch Zensuren bekommt, Punkte, die für das Abitur angerechnet werden, daß man in diesem Fach auch Klausuren schreibt, daß in einem für die Berliner Schule verbindlichen Curriculum Anforderungen, Lerninhalte und Zielvorgaben festgeschrieben sind. Das Darstellende Spiel ist als drittes musisches Fach neben den Unterricht in Bildender Kunst oder Musik getreten.

Zadig

Vom Bisherigen ist aber alles geblieben: der Unterricht findet nachmittags bzw. abends statt; Teamgeist wie partnerschaftliches Bewußtsein stehen hoch im Kurs, denn die Gruppe muß vollzählig sein, um sinnvoll arbeiten zu können; Freude an der Sache ist viel wichtiger als Interesse an der Zensur; Einfallsreichtum, Kreativität, Eigeninitiative, sehr viel Geduld im Umgang miteinander, zeitaufwendige Bereitschaft und Zuverlässigkeit sind die gefragten Tugenden eines jeden.

Wo liegen Anreiz und Lohn, die Schüler damals wie heute dazu bringen, sich freiwillig derart zahlreiche Pflichten aufzuerlegen? Großen Anteil hat die faszinierende Mischung zu erlebender Selbständigkeit und Gemeinsamkeit: Jeder Jahrgang muß die für ihn geeignete Aufgabenstellung finden, der sich alle Beteiligten verschreiben können. Das beginnt mit dem Thema, das ausreichend spielbare Situationen verspricht; es muß ein Rollenrepertoire ermöglichen, das der Eigenart und dem Leistungsvermögen der Mitwirkenden entspricht, Figuren und Charaktere, die es dem einzelnen gestatten, sich mit seiner Gestalt zu identifizieren; die Handlungsorte müssen so gewählt werden, daß sie den gegebenen Verhältnissen des Aufführungsraumes (Aula) anzupassen sind. Dann kann die Gruppe ebenso wie der einzelne darangehen, die einsetzbaren Möglichkeiten des Mediums Theater zu sichten, um die selbstgefundene Problemstellung bis zur Problemlösung zu entwickeln. Der Lohn für dies alles stellt sich schon beim ersten Gelingen im eigenhändigen und selbstgestalteten Werdeprozeß ein und gipfelt im vollendenden Spiel vor Publikum sowohl durch die individuelle wie die gemeinsame Leistung.

Das nötige Handwerkszeug erwirbt sich der Schüler in der einjährigen Einführungsphase während des 11. Schuljahres. In Improvisationsübungen arbeitet die Gruppe zunächst mit sich selbst, um ihre mimischen, gestischen und sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten sowie ihren diesbezüglichen Lernbedarf zu erfahren. Stegreifübungen sollen Ausdrucks- und Interpretationsfähigkeit fördern, zunächst vor allem pantomimisch. Viel Zeit und Geduld verlangt die Sprechschulung, auch im richtigen Bewegen auf der Bühne will viel gelernt sein.

Mutter Courage

In all dem ist intensive Einzelarbeit erforderlich. Seit fast zehn Jahren nehmen wir dabei sehr dankbar die Hilfe unserer Ehemaligen an, die an der Vor- und Ausbildung unserer werdenden DS-Schüler verdienstvollen Anteil haben und das Gelernte an den jüngeren Jahrgang weitergeben. Sie begleiten dann "ihren" Jahrgang auch meist bis zum Abitur, lassen ihrer eigenen Schulzeit also noch mehrere Jahre freiwilliger weiterer Schularbeit folgen.

Ziel der Einführungsphase ist ein sogenannter Werkstattabend, mit dem der neue DS-Jahrgang das Gelernte vorstellen soll. In Gruppenarbeit sind Szenen unterschiedlicher Art und Themenstellung (erfundene und vorgegebene) einstudiert worden, mit denen nun erste Bühnenerfahrungen gesammelt werden, die dann Grundlage für die Arbeit im Kurssystem der Oberstufe sind. Jeder Schüler hat dabei die Möglichkeit, mehrmals vor Publikum zu spielen.

Besuch

Die "große Aufgabe" während der letzten beiden Schuljahre besteht für die Schüler dann meist darin, den Stoff einer epischen Vorlage (Roman, Erzählung oder Novelle) in ein Schauspiel umzuarbeiten. Ist ein geeigneter epischer Text gefunden, gilt es, seinen Inhalt zu erfassen, szenisch zu strukturieren, die erforderlichen Rollen zu entwerfen und die Szenen zu schreiben. Dabei werden die Verfahrensweisen von Jahr zu Jahr sehr unterschiedlich sein. Ideen und Entwürfe für das Bühnenbild und die Kostüme müssen entwickelt, geprüft und entschieden werden. Das Rollenstudium und die Proben fordern viel Zeit. Mitunter sieht die Werkkonzeption auch vor, daß Schüler für die leitenden Motive der Handlung Kompositionen schreiben und dadurch das Medium Musik mit in die beabsichtigte Aussage einbezogen wird. Kompositeure und Musiker sind oft als Schüler nicht Mitglieder des DS-Kurses, sie unterstützen dessen Vorhaben durch ihre freiwilligen Leistungen und ihre Bereitschaft, bei allen Proben mitzuwirken, besonders anerkennenswert.

Das fertige selbst geschriebene Werk, seine Einstudierung und seine öffentlichen Aufführungen sind nicht nur krönender Abschluß des Unterrichts im Darstellenden Spiel, sondern bleiben unvergeßliches Erleben für jeden Beteiligten.

Das Darstellende Spiel präsentiert neben den schauspielerischen Leistungen der Schüler auch jene der Beleuchtung und Scheinwerferführung, des Kulissen- und Requisitenbaus, der Bühnenkonstruktion und vor allem der schnellen, lautlosen und zuverlässigen Bühnen Umbauten während der Aufführungen; das alles und noch manches mehr gehört zu den Aufgaben, die auf den DS-Schüler warten. Sie tragen dazu bei, daß sich während der gemeinsamen Arbeit ein "fachcharakteristisches Gemeinschaftsgefühl" entwickelt, das vielen zum besonderen Werterlebnis wird.

Don Juan

Seit Einführung dieses Fachunterrichts kommen an unserer Schule jährlich zwei bis drei "Produktionen" zur Aufführung, im allgemeinen folgen einer Premiere drei bis fünf weitere Spieltage. Im laufenden Jubiläumsjahr unserer Schule hat das Generalthema MENSCH UND MASCHINE den DS-Kurs unserer 13. Jahrgangsstufe unter Leitung von Herrn Pischon zu einer Bearbeitung der Erzählung von E. T. A. Hoffmann "Der Sandmann" angeregt. Sie wurde im Frühjahr fünfmal aufgeführt. Es ist eine Handlung, in der viele Geschichten vom Sehen und von der Macht der Bilder stecken, von der Faszination durch Maschinen, von der Schönheit von Automaten, von den Schwierigkeiten der Liebe zu lebendigen, selbständigen Menschen und von der Gefahr, selbst eine Puppe zu werden. Zur Veranschaulichung und als "Kostprobe" drucken wir hier aus diesem Stück die 2. Szene ab.

Dieter Lucke