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Werner-von-Siemens-Gymnasium
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Der Sandmann


Der SandmannZunächst kommuniziert Nathanael mit Clara und Lothar auf Distanz (wie etwa beim Briefeschreiben). Clara und Lothar stehen in einer Ecke, Nathanael in einer anderen.
Erst später kommt Nathanael nach Hause und eilt Clara in die Arme, während Lothar skeptisch beiseite steht. Zunächst ist alle Verstimmung verschwunden, aber bald versinkt er wieder in düstre Träumereien, führt Selbstgespräche, liest aus magischen Büchern vor, bis er endlich aus seiner Tasche eine eigene Dichtung zieht: seine Vision von ihrer beider Schicksal. Dieses Gedicht wird nicht gesprochen, sondern als Pantomime bzw. Tanz aufgeführt. Clara ist erschüttert und fordert ihn nochmals eindringlich zur Vernunft auf, worauf er sie beschimpft. Lothar kommt hinzu, sie geraten in heftigen Streit, fast entsteht eine Schlägerei, bis Clara dazwischentritt und die Kampfhähne zur Besinnung kommen. Vor allem Nathanael bereut seinen Affekt, alle versöhnen sich und nehmen Abschied.
LOTHAR: Hör zu! Clara ist trotz deiner seltsamen Ahnung heiter und unbefangen wie immer!
CLARA: Ich meine, alles Entsetzliche, wovon du sprichst, ist nur in deinem Innern vorgegangen. Widerwärtig genug mag der alte Coppelius gewesen sein, und natürlich verknüpfte sich in deinem kindlichen Gemüt der schreckliche Sandmann aus dem Ammenmärchen mit dem alten Coppelius und seinem unheimlichen Treiben mit deinem Vater zur Nachtzeit.
NATHANAEL (sich unwillig abwendend):
In dies kalte Gemüt dringt kein Strahl des Geheimnisvollen, das uns Menschen umfaßt; du siehst nur die bunte Oberfläche der Welt!
CLARA: Ach, lieber Nathanael! Glaubst du nicht, ich ahne nicht auch etwas von einer dunklen Macht, die uns selbst feindlich ist und uns in unserem eigenen Selbst verderben will? Aber sie muß werden wie wir selbst, daß wir an sie glauben! Nur ein fester, durch ein heiteres Leben gestärkter Verstand und das ruhige Verfolgen unserer Lebensbahn aus Neigung und Beruf läßt jene unheimliche Macht scheitern.
LOTHAR: Es sind Phantome unseres eigenen Ichs, deren innige Verwandtschaft und deren tiefe Einwirkung auf unser Gemüt uns in die Hölle wirft oder in den Himmel verzückt.
CLARA: Ich bitte dich, schlag dir den häßlichen Advokaten Coppelius und den Optiker Coppola aus dem Sinn. Diese fremden Gestalten können dir nichts tun, nur der Glaube an ihre feindliche Macht kann sie dir feindlich machen. Sei heiter!
NATHANAEL: Ja, ich weiß, sie sind keine Doppelgänger! Trotzdem haltet ihr mich immerhin für einen düstern Träumer, aber ich werde den Eindruck nicht los, den Coppelius‘ verruchtes Gesicht auf mich macht!
Der SandmannNATHANAEL (bei Clara): Ich fühle mich wie vernichtet unter dem gräßlichen Fatalismus der Geschichte. Ich finde in den menschlichen Verhältnissen eine unabwendbare Gewalt, allem und keinem verliehen. Der einzelne ist nur der Schaum auf der Welle, alles ein lächerliches Ringen gegen ein ehernes Gesetz, das Muß ist eins der Verdammungsworte, womit der Mensch getauft worden ... Und Coppelius ist das Böse, es hat mich erfaßt, als ich in der Werkstatt versteckt war, und wird auf ewig mein Liebesglück stören!
CLARA: Ja, du hast recht, Coppelius ist ein böses Prinzip, aber nur, solange du daran glaubst - dein Glaube ist seine Macht!
NATHANAEL: Ach, du verstehst es eben nicht
NATHANAEL (nachdem er das Gedicht vorgelesen hat): Ach! Clara - Clara!
CLARA: Mein herzlieber Nathanael! - wirf das tolle - unsinnige - wahnsinnige Märchen ins Feuer.
NATHANAEL: Du lebloser, verdammter Automat!
CLARA: Ach, er liebt mich nicht, denn er versteht mich nicht.
LOTHAR: Wie gehst du mit meiner Schwester um, du blöder Träumer, du verdienst sie nicht.
NATHANAEL: Was! Du bornierter Flachkopf!
CLARA: Hört auf, ihr entsetzlichen Männer!
NATHANAEL: Verzeih mir, Clara! Verzeih mir, Lothar! Ich liebe euch doch beide.