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Werner-von-Siemens-Gymnasium
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Produktiver Streik der Schüler für ihre Lehrer

Nach dem Fall der Mauer ging in der ehemaligen DDR die Geburtenrate dramatisch zurück: Bei Beginn des Schuljahres 1996/97 "fehlte" Im Ostteil Berlins ein Drittel der ABC-Schützen, die für das beamtete Grundschullehrerpotential erforderlich gewesen wären. Aus der "Not" einen pädagogischen Fortschritt zu machen und entsprechend kleine Anfängerklassen einzurichten, kam als Problemlösung offenbar nicht in Frage.

Das auch in Folgejahren praktizierte Prinzip der Ost-West-Lehrerumsetzung (aus dem Grund Schulüberschuß in den Oberschulbedarf) blieb der Weisheit letzter Schluß. Junge Lehrer, die ihr zweites Staatsexamen abgeschlossen hatten und nur im Angestelltenverhältnis tätig waren, ließen sich - unbeachtet ihrer Qualifikation - am leichtesten auf die Straße setzen. Dieses Schicksal drohte allen Junglehrern. Es ist leicht nachzuvollziehen, daß sie wegen ihrer unsicheren Rechtsstellung und ihrer Idealvorstellungen vom begonnenen Beruf besonders engagiert unterrichteten und deshalb bei den Schülern sehr beliebt waren.

Wir hatten 14 dieser Kollegen an unserer Schule. Als ihre Gefährdung bekannt wurde, ergriffen Schüler der 12. Jahrgangsstufe und der 10c die Initiative, versäumten ihre Unterrichtspflichten, gingen in kleinen Gruppen gezielt von Klasse zu Klasse und "machten mobil": Sie aktivierten die GEV und trafen sich mit ihr am folgenden Wochenende zu einem äußerst erfolgreichen Strategieseminar.

Es endete mit einem sorgfältig durchdachten Aktionsplan und den Zusagen der erforderlichen finanziellen Unterstützung seitens der Eltern und des Freundeskreises. Die Schüler wählten Tilman Siegler (J12) zum Sprecher und Leiter der geplanten Aktionen. Er verkündete am Montag morgen er vor er Schule versammelten Schüler- und Lehrerschaft die Beschlüsse des Wochenendes, begründete den Schülern deren Anwesenheitspflicht in der Schule während der Zeit des Unterrichtsausfalls und forderte sie auf, sich tatkräftig an allem zu beteiligen, was täglich zu tun sei; 2-3 Schüler aus der Oberstufe und der 10c würden in jedem Klassenraum bei der Durchführung der Aufgaben beraten, Lehrer seien dort als Gäste gern gesehen. Die Schülerschaft dürfe nicht zulassen, daß ihr so viele gute Lehrer genommen würden. Es sei ein Sternmarsch aller Schüler und Eltern Zehlendorfs zum Rathaus geplant und bei der Polizei angemeldet. Alle Berliner Fernseh- und Rundfunkstationen sowie alle Parlamentsfraktionen auf Bezirks- und Landesebene seien per Fax problembewußt gemacht worden.

Die allgemeine Kenntnisnahme kam zunächst durch anerkennendes Staunen zum Ausdruck, es war oder wurde einer der bedeutsamsten Tage unserer Schulgeschichte Jeweils 2-3 Schüler der Aktionsgruppe besuchten die anderen Zehlendorfer Gymnasien, informierten deren Schulleiter und baten um Unterstützung. In den Klassenräumen unserer Schule wurde das Anfertigen wirkungsvoller Transparente diskutiert, sie sollten Wesentliches aussagen, Polemik war strikt untersagt, alle Vorschläge mußten deshalb eine "Zensur" passieren. Die Aktion konnte nur durch die Kraft der Argumente Erfolg haben und mußte bedacht sein, unangreifbar zu bleiben.

Eltern spendeten viele Ballen schwarzen Stoffs und alle erforderlichen Arbeitsmittel. Bald war das Schulgebäude mit über 50 Transparenten eingekleidet und der Eingangsbereich schwarz verhangen. Entscheidend war die Kooperation mit dem SFB : Tilman Siegler hatte im Radiofrühprogramm täglich eine knappe Viertelstunde, um der Öffentlichkeit über den aktuellen Stand der Siemens-Schüler-Aktionen zu berichten, das B1-Fernsehen übertrug im Abendprogramm eine Großveranstaltung auf dem Schulgelände, bei der das Landesschulamt überraschend einlenkte und mit Lob gegenüber "dieser Schüler-Projektwoche" nicht sparte.

Am letzten Schultag wurde Herr Reich 5 Minuten vor Beginn der Sommerferien vom Landesschulamt telefonisch aufgefordert, den 14 jungen Kollegen sofort ihre Entlassung mitzuteilen. Er rief Kollegium sowie Tilman mit dessen Stellvertreterin ins Lehrerzimmer und erfüllte schmerzlich bewegt seine Pflicht. Tilman sagte, sie hätten befürchtet, daß so gehandelt würde, aber die Senatsverwaltung irre sich, wenn sie davon ausgehe, daß die Schüler nun in die Ferien fahren würden; sie wollten ihre Aktionen in anderer Weise mit Hilfe des SFB fortsetzen. Er werde schon in einigen Tagen beim SFB mit der Schulsenatorin zu einem Gespräch zusammenkommen. - Zwei Tage vor dem Ende der Sommerferien erhielt Herr Reich die Nachricht, daß die entlassenen Junglehrer mit sofortiger Wirkung ihren Dienst an unserer Schule wieder aufnehmen können. Und diese Entscheidung erwies sich als endgültig! An allen anderen Schulen blieb es bei den Entlassungen.