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Werner-von-Siemens-Gymnasium
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Mensch und Maschine

- Mensch und Maschine -
Anmerkungen zu einer schwierigen Beziehung
oder
DER ZWEITE BISS IN DEN APFEL
Dr. Eva-Maria Kabisch
Rede im Rahmen der Festveranstaltung;
25 Jahre Werner-von-Siemens-Gymnasium in Berlin Zehlendorf
am. 18. Juni 1992 im Auditorium-Maximum der FU-Berlin

 

Meine Damen und Herren, sehr verehrte Ehrengäste,

liebe Freunde und Weggefährten - ehemalige und gegenwärtige, jüngere und ältere - des Werner-von-Siemens-Gymnasiums und seiner Geschichte!

"Ich sitze am Straßenrand.
Der Fahrer wechselt das Rad.Ich bin
nicht gern, wo ich herkomme. Ich bin
nicht gern, wo ich hinfahre. Warum
sehe ich den Radwechsel
mit Ungeduld?"

                        B. Brecht

In dieser knappen, präzisen Skizzierung einer Alltagssituation mit der Überschrift "Der Radwechsel" von B. Brecht - einem Gedicht, das in jedem gängigen Lesebuch der alten Bundesrepublik zu finden ist, nicht aber in denen der früheren DDR - werden alle wesentlichen Elemente der schwierigen Beziehung Mensch-Maschine angesprochen:

Zum einen das Rad - seit 8000 Jahren nicht mehr nur mythologisches Bild, sondern Herzstück der vom Menschen geschaffenen Maschine: Mit ihm durchmißt und beherrscht er Räume, die den Beinen und Füßen des Menschen so nicht verfügbar wären. Mit dem Rad wurde es ihm möglich, die Zeit zu messen - und als am Ende des Mittelalters eben diese Zeit aus den Glockentürmen der Kirchen hinabstieg in das feine Räderwerk der ersten Taschenuhr des Meisters Henlein aus Nürnberg und damit in die Hosenbünde der Bürger, da wähnten sie sich "Herren der Zeit", sie hatten sie ja in der Tasche!

Durch das Rad gelang dem Menschen konkret und praktisch das, was er zuvor im Dunkel des mythischen Rituals nur ersehnt hatte

- die vermeintlich unendliche Kraftübertragung, der Ausgleich, den sich das defizitäre Geschöpf Mensch für die so offensichtliche Endlichkeit seiner Kräfte in der "Maschine" geschaffen zu haben glaubte. Allerdings sei ehrlicherweise angemerkt, daß der Mensch mit der Auswertung seiner ungeheuren Erfindung auch frappierende Schwierigkeiten hatte. Bis zur Idee, zwei Räder nicht neben -, sondern hintereinander zu setzen und für eine entsprechende Übersetzung zu sorgen, bis zum Zweirad, dem Fahrrad also, brauchte er runde 7850 Jahre. Schlichte Begründung des Physikers: Weil der Mensch auf sich allein gestellt war und diese Variation nicht der Natur nachmachen konnte - Endlichkeit der Kräfte!

Zweitens enthält der Text den Hinweis auf das Versagen der Maschine und die Reaktion des Menschen darauf: Ungeduld, Enttäuschung und existentielle Krise. Das war wohl beim Einsturz des Turms zu Babel, beim Untergang der Titanic, bei Tschernobyl nicht anders - es scheint aber, als würden die Phasen dieses Nachdenkens immer kürzer, immer flacher, immer folgenloser, als beschäftigten wir uns nur noch mit den Details und stießen nicht mehr zum Grundsätzlichen vor.

Dabei macht Brecht es hier bildhaft ganz deutlich:

Die versagende Maschinerie führt den Menschen, wenn er sich aus ihr heraus, von ihr weg begibt, sozusagen gegenüber, "am Straßenrand", als distanzierter Beobachter eine Zwangspause einlegt, zum Nachdenken über sich selbst, über das Woher und Wohin und zur Grundfrage nach dem Warum der eigenen, merkwürdig unlogischen Befindlichkeit: Ungeduld ohne jeden wirklichen Grund. Das Versagen der Maschine ist paradoxerweise auch eine Chance für den Menschen!

Zum dritten:

Gemeinsamkeiten und Unterschiede der beiden Geschöpfe Mensch und Maschine werden greifbar. Beide sind gekennzeichnet durch das Prinzip der Bewegung, konkreter Ausdruck der alten heraklitischen Lehre, wie sie Platon uns überliefert hat: Nichts ist beständig und ruht, alles ist in Bewegung, alles fließt. Doch gerade hier liegt ein wesentlicher Unterschied: Die in ihrer Bewegung unterbrochene Maschine ist entweder kaputt oder wird nicht mehr gebraucht - sie wird verschrottet oder repariert. Der in seiner Bewegung angehaltene Mensch - sei es durch die harmlosen Hürden des Alltags wie hier im Gedicht oder durch existentielle Erfahrungen der Begrenztheit seiner Kräfte, z.B. durch Krankheit - dieser angehaltene Mensch denkt nach, z.B. über den Weg, den er geht, kommt zur Besinnung, fragt, seine innere Uhr geht danach wohl anders als vorher - eben nicht mehr "immer schneller, immer weiter" aber vielleicht richtiger, weil sie tiefere Töne anschlägt.

 

Lassen wir uns einen Moment anhalten, fragen wir nach:

Warum schuf sich der Mensch die Maschine?

Versuch einer Antwort:

Weil er mit ihr seine Träume verwirklichen wollte!

- Ikarus - der Traum von der Aufhebung der Schwerkraft und der Bindung an Raum und Zeit;

- die Kriegsmaschinen der Welteroberer - selbst ein Leonardo da Vinci hat vorzügliche entworfen, sogar ein U-Boot - der Traum von der technischen Perfektion als Mittel unbegrenzter Herrschaft;

- die Erntemaschine - der Automat - der Roboter, der Traum der Entlastung von mechanischer Arbeit, der Traum vom zu besserem Tun freigesetzten Menschen ...

Selbst die Götter, die ach so menschlichen Götter kamen als deus ex machina per Flaschenzug und Hebelkran als ultima ratio auf die Bühnen der attischen Tragödien - warum dann nicht der Mensch?

Ist die Maschine vielleicht ein Versuch des Menschen, die große Panne des Anfangs, diese unglückliche Vertreibung, dieses "Jenseits von..." in einem "Diesseits in Eden" wiederaufzuheben, sozusagen durch die Hintertür, wie Kleist es ausdrückt, wieder ins Paradies zu schlüpfen?

Was steckt dahinter?

Es ist wohl der Traum von der Wiederholung dessen, was sich Gott geleistet hat am Anfang der Welt: eine eigene Schöpfung

- der Traum von der Gottähnlichkeit!

Aber wie war das denn damals? Trotz der bis heute unbeantworteten Frage Einsteins: "Wieviel Entscheidungsfreiheit hatte Gott bei der Erschaffung des Universums?" war Gott zweifellos mutiger bei der Erschaffung des Menschen als dieser bei der Maschine - vielleicht einfach auch leichtsinniger, denn er überließ dem Menschen die erste Entscheidung - mit den bekannten katastrophalen Folgen. Gott leistete sich ein schwieriges Geschöpf, kritisch und zweifelnd, nach dessen Erdantritt alles anders wurde, offenkundig nicht unbedingt besser, denn schon das Alte Testament spricht vom sprunghaften Ansteigen der Kriminalität, ein Geschöpf, das nach dem Biß in den Apfel, dem Sündenfall - nach Kant die letzte Station der Menschwerdung - nach der Entscheidung für den Verlust der Einheit mit Gott durch die Erkenntnis seinem Schöpfer gegenübertrat - schuldig, aber frei, einsam, aber selbstbewußt - begabt mit der Vielfalt der Welt und verbannt zur ewigen Suche nach dem Verlorenen.

Der "kleine Gott der Welt" - Originalton Mephistopheles - hatte wohl gelernt aus den Problemen zwischen Schöpfer und Geschöpf, wähnte sich klüger, vorsichtiger: Der prometheische Wurf formte keine neuen Menschen, nur ein Ding, ganz abhängig von der Willenskraft des Schöpfers, aber unabhängig von menschlicher Schwäche, perfekt und berechenbar, ein Haufen aus Holz oder Eisen, und der Atem, den wir ihm einbliesen, war vermeintlich zu steuern und unerschöpflich: Bewegung - Energie in jeder Form.

Die Maschine also das perfekte Geschöpf, der Wirklichkeit gewordene Traum von der Aufhebung unserer Begrenztheit, der Traum von der allseitig-allzeitigen Verfügbarkeit der Kräfte, das perpetuum mobile als Antwort in der Form der Nachbesserung für Gott? Wohl kaum. - Dieser gab seinem Geschöpf Entscheidungsfreiheit und als Maß Endlichkeit und Sterblichkeit - der Mensch gab seinem Geschöpf alles, um diese endliche Begrenzung zu überwinden, die Natur zu überlisten und - vergaß dabei, daß er aufgrund seiner eigenen physischen Einbindung in die Endlichkeit unfähig ist, sein die überschaubaren Dimensionen sprengendes Machwerk zu beherrschen - der zweite Biß in den Apfel!

Was machen die Maschinen mit uns?

Sie verändern uns, sie wirken auf uns und unsere Welt zurück! Ob Gott sich durch die Existenz des Menschen verändert hat, ist nicht bekannt, daß die Maschine ins Leben des Menschen einschneidend eingreift, unstreitig.

Anders als das Werkzeug, das lediglich eine einfache Erweiterung menschlicher Handhabung ist, eine schlichte Verstärkung, die sich der Bewegung des Menschen anpaßt, ist die Maschine eine Instrument eigener Bewegung mit eigener Gesetzmäßigkeit, denen sich der Mensch anpassen muß. Ob an den Büromaschinen oder am Montageband, vor den Bildschirmen, oder im Auto, längst bestimmen die Gesetzmäßigkeiten von Maschinen unseren Tagesablauf, Arbeitsrhythmus, unsere Kommunikationsmöglichkeiten, unsere Freizeit, ja unsere Lebenschancen im Krankheitsfall. Die Verhältnisse haben sich vielfach umgekehrt. Längst ist z.B. die technische Perfektion eines Films Teil des künstlerischen Wertes, längst dauert die technische Vorbereitung eines Pop-Konzerts länger als das eigentliche Ereignis, die Maschinen sind oft teurer als die Akteure.

Vor allem aber: Die Existenz der Maschinen, die Möglichkeiten der Technik sind geeignet, die Entwicklung moralischer Werte zu beeinflussen. Das Verhältnis von Ethik, Wissenschaft und Technik ist ein wechselseitiges. Wo wir noch meinen, die Freiheit ethischer Entscheidung zu haben, ist diese vielfach schon in den Sachzwang abgedrängt, sind unsere Normen und Wertmaßstäbe dabei, sich in der Realität dieser Wechselbeziehung zu verschieben.

Zum anderen:

Unsere Mythen und Märchen sind Maschinen geworden: Ikarus zum Überschallflugzeug, der feuerspeiende Lindwurm in der Mutation von der Dampflok zum ICE, die Riesen finden wir wieder als Baukräne über unseren Städten, die Heinzelmännchen als Haushaltsmaschinen und Taschencomputer - schöne, bequeme Welt -, und dabei erfolgt wieder eine merkwürdige Umkehrung:

Die Maschinen werden zu Mythen - der Mythos der Perfektion, der Mythos der unbegrenzten Möglichkeiten, der Glaube an Technik und Fortschritt als Mythos Maschine!

Zum dritten:

Maschinen machen Geschichte:

Die Idee, zwei Räder mit einer starren Achse zu verbinden, war umwerfend. Der sogenannte Streitwagen, modernes Mittel mobiler Kriegsführung, umfuhr vom 8. Jahrhundert vor Christus an sozusagen das gesamte Mittelmeer und ermöglichte von der großen Zeit der mykenischen Herrscher bis zu den Persern die Eroberung und die Gründung riesiger Reiche. Etwas ähnliches leistete übrigens im Krieg 1870/71 die Eisenbahn.

Gutenbergs Jahrhundertidee, mit einer alten Weinpresse nicht nur geistige Genüsse flüssiger Art herzustellen, sondern Papier zu bedrucken, setzte die gesamte Maschinerie unserer Kommunikationsgesellschaft in Gang - und die Dampfmaschine alles Übrige. Zur Französischen Revolution gehört wie die Trikolore die Guillotine, der zuverlässige maschinelle Henker - doch hier wird es unbehaglich: Ist die vermeintliche Stärke unseres Geschöpfe - daß wir ihm keine Entscheidungsfreiheit gelassen haben, daß es so wunderbar wertneutral funktioniert je nach Bedarf, daß wir ihm den uns eigenen Luxus von Gefühlen und Gewissen erspart haben - ist eben das seine Schwäche? An den Fabrikmaschinen des 19. Jahrhunderts wurden die Bedingungen für eine moderne Industriegesellschaft gelegt und - Tausende von Menschen in stumpfsinniger Arbeit verschlissen. Mit dem Begriff des Treib- oder Transmissionsriemens assoziieren wir eine sich menschlich gerierende Ideologie, die den Zweifel am unaufhaltsamen Fortschritt des Kollektivs Mensch-Maschine verbot, mit all den Folgen, die wir heute versuchen zu bewältigen. Merkwürdig auch das, was man als ein Grundproblem moderner Gesellschaften in Umbruchsituationen bezeichnet hat: Einerseits Begeisterung und Stolz und selbstverständliche Handhabung modernster Maschinen, andererseits gerade dadurch Defizite im mythischen, bildhaften, emotionalen Bereich. So z.B. im bereits erwähnten Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71. Neben der Benutzung modernster Technik: Telegraphie, Kanonen, Aufmarsch mit Eisenbahnen der rückwärtsgewandte Traum vom neuen Kaiserreich, sozusagen die Erlösung Barbarossas aus dem Kyffhäuser. Entsprechend die Situation im Dritten Reich:

Rundfunk, Film, Volkswagen, Vernichtungsmaschinen, V 2 usw. und daneben der Traum von Germania, die Rückkehr zu den unbewältigten Mythen. Ist es vielleicht die kalte Präzision modernster Maschinen und Geräte, das Gespenst einer lautlos und unbarmherzig gleichförmig funktionierenden Welt, die die Sehnsucht weckt nach dem Unvollkommenen, dem verschwommenen Bild, den alten Geschichten?

Ist die menschliche Schwäche unseres Gedächtnisses, nur selektiv zu bewahren, vielleicht besser für das Überleben geeignet als die unbestechliche Präsenz des Computergehirns? Ist es vielleicht eine Stärke, vergessen zu dürfen? Sind der Automat, dieser Selbstläufer, und sein Automatismus, den wir erst so fasziniert als ein zweites Ich betrachtet haben, uns unheimlich geworden wie die Puppe Olympia im E. Th. A. Hoffmanns Gespenstergeschichten?

Die eigene Gesetzmäßigkeit der Maschine, die von uns - einmal in Gang gebracht - nicht mehr wirklich steuerbar ist, wird sehr anschaulich an dem, was als Kriegsmaschinerie gerade wieder mitten in Europa mit grauenvoller Zwangsläufigkeit ausgebrochen ist. Wir benutzen den Begriff "Maschinerie" gewiß nicht ohne Grund für solch einen Vorgang. Sind wir auf einem Fließband, in einem Ablauf, der uns überrollt hat, dem wir nicht gewachsen sind?

Was sollen wir tun?

Die Maschine ist in der Welt, und sie ist ein wichtiger, notwendiger Teil geworden. Es gibt kein "Zurück" auf die grüne Wiese mit Technikfeindlichkeit und Maschinenstürmerei - der zweite Biß in den Apfel kann ebensowenig rückgängig gemacht werden wie der erste: "Was einmal gedacht geworden ist, kann nicht mehr zurückgenommen werden" 

läßt Dürrenmatt seine Physiker sagen. Aber ebenso eindeutig ist der andere Befund: Wir haben die uns zugewiesenen, angemessenen Dimensionen gesprengt. Wir treffen Entscheidungen für diese Erde aufgrund der Bedürfnisse von heute, morgen, vielleicht übermorgen. Aber wir agieren dabei mit naturwissenschaftlichen Prozessen und Elementen, die eine Zerfallsdauer von Tausenden von Jahren haben, und maßen uns Entscheidungen an über Räume und Zeiten, über die wir nicht mehr verfügen können, und hinterlassen ihnen Probleme, die wir nicht bewältigen - die Hybris der gefallenen Engel! Und nun steht der Zauberlehrling vor seinen sich verselbständigenden Kreaturen - aber wo ist der Meister?

Es ist doch wohl so: Die Verantwortung für das Ganze ist aus der Hand des vermeintlich gestorbenen Gottes in die Hände des Menschen gefallen, und dieser weiß damit nichts anderes anzufangen, als ständig zu beteuern, er sei es nicht gewesen. Das ist es: Wir drücken uns vor der Verantwortung, vor der Entscheidung, vor dem Mut, wieder in Zusammenhängen zu sehen, uns hineinzustellen als Teil in das Ganze.

Vernetzung findet offenkundig nur noch zwischen den Computern statt, nicht mehr in unseren Köpfen. Wir haben die Welt in die Unverbindlichkeit des Beliebigen fallen lassen - wie eine heiße Kartoffel, und sie zerfällt in Werte und wir in einzelne Wichtigkeiten. Ist der Rückzug auf die Maschinen, auf die Technik bereits ein Alibi, ein Verzicht auf eigene Gestaltung und Verantwortung? Wir sagen: Der Computer macht das so und so, mehr oder weniger als unverrückbares Ergebnis, dabei meinen wir: Wir haben ihn so und so programmiert, so daß nichts Besseres herausgekommen ist. Wir lassen uns also durch die Maschine in der Begründung einer Entscheidung vertreten.

Ist es so, daß wir inzwischen ständig am eigenen Leben und Denken vorbeihandeln? Daß wir zwar einen Haufen schlauer Bücher und Aufsätze lesen, überall mitreden, aber nirgens die Wirkungsstränge zu spüren sind, die tatsächlich mitten in unser Leben führen und diesem Halt geben können? Stimmt die lapidare, erschreckende Diagnose des Technik-Philosophen Hans Jonas:

"Die Einsichtsfähigkeit des Menschen nimmt zu. Die Fähigkeit, nach diesen Einsichten zu handeln, nimmt jedoch ab"? Was sollen wir tun?

Versuch einer Antwort:

Wir sollten das wieder tun, wozu wir immer bestimmt waren, das, was die Maschine bei aller Perfektion so nicht kann:

grundsätzlich entscheiden.

Wir sollten unseren Entscheidungsfreiraum wiedergewinnen - wir haben dafür einmal das Paradies eingetauscht, sollten wir damit unsere Vertreibung von der Erde nicht verhindern können? Wir sollten wieder den Mut zu Setzungen haben, heraustreten aus der unverbindlichen Gleichgültigkeit, die wir fälschlicherweise auch noch als Toleranz verkaufen. Wir sollten die Versatzstücke unserer gängigen Alibifloskeln wieder mit Inhalt füllen und entschieden benennen. Toleranz z.B. heißt nicht, daß uns alles egal ist. Tolerant ist nur der, der zu einem eigenen festen Standpunkt fähig ist und deshalb, weil er um die Anstrengung solcher Setzung weiß, die des anderen anerkennt! Die Voraussetzung für Toleranz ist die Fähigkeit zur eigenen Standortbestimmung. Wir brauchen demnach auch eine entschiedenere Bildungspolitik, in der im Zusammenspiel, nicht im Gegeneinander von Wissenschaft und Technik, Natur- und Geisteswissenschaften - Motto: Mit Kant und Kafka in die Wirtschaft! (Alfred Herrhausen) - die Fähigkeit zum ,Weiter-Denken?, zu Grundsatzentscheidungen, zu verantwortlichen Markierungen entwickelt und geschärft wird. Daß wir nicht in der Addition der gelernten Details die Teile und Fäden lose in der Hand behalten, sondern mit dem Blick für das Ganze wieder Knoten schürzen, Verbindungen schlagen, ein Netz knüpfen für uns und die Dinge der Welt aus Entscheidungen und Verantwortung jedes Einzelnen, tagtäglich vor Ort. Wer heute etwas erfindet, muß an die Einbeziehung in den Globalkreislauf denken; wer heute eine Maschine baut, muß fragen, ob sie nicht vielleicht überflüssig werden kann und wie man sie dann am sinnvollsten beseitigt. Wir müssen versuchen, unserem Geschöpf die berechenbare Endlichkeit zurückzugeben, die wir ihm fahrlässig vorenthielten. Wir können das uns bestimmende Gesetz der Bewegung nicht aufhalten, wohl aber den durch Platons Interpretation über zwei Jahrtausende einseitig gedeuteten Heraklit wieder richtig verstehen. Worauf er hinauswollte, das war nicht der aus dem Zusammenhang gerissene Satz: Alles fließt, sondern der Kontext spricht von dem Ruhenden, Unveränderlichen, das sich in aller Bewegung findet, der verborgenen Beziehung aller polaren Zustände, der Versöhnung im Streit. Diesen Schwerpunkt - nach Kleist der Schwerpunkt der Seele, den wir verloren haben - gilt es, neu zu entdecken.

Wir müßten in den Schulen und anderswo auch wieder das lernen, was Günter de Bruyn im Angesicht des sinnlos zerstörten Schlosses Derer von der Marwitz die schlichte, zeitgemäße und notwendige Form der preußischen Tugenden nannte: Zivilcourage, die innere Haltung des Einstehens für das, was man als richtig erkannt hat, auch wenn es unbequem ist. Den Schlüssel finden wir in einigen Sätzen von Walter Jens, in denen er unsere Generation beschreibt: "Lebend im Angesicht des dritten Jahrtausends herangewachsen im Schatten der Bombe, unterrichtet zu Füßen des Babylonischen Turmes gehen wir ans Werk. Niemand bisher konnte die Welt, den Raum, die Zeit so weithin überschauen wie wir; niemand aber auch die griechischen Sprüche, des Aischylos und Sophokles Worte so als verpflichtende Regeln betrachten, wie gerade wir, die in einem Augenblick, da der Mensch die Erde verläßt, Grenze und Endlichkeit wiederentdecken:

"Mensch, Spanne den Bogen nicht zu sehr - im Maß nur ist Segen

Wir brauchen also wieder ein Maß, den Mut zum Weg von der Anmaßung zur Angemessenheit, das "Sich-an-ein-Maß-Halten" trotz vieler Möglichkeiten, nicht als wehleidiger Verzicht, sondern als kraftvolle Entscheidung für eine innere Haltung. Vielleicht ist das der Ansatz eines Weges zu dem, was unser Nachbar, der polnische Philosoph Kolakowski, die Vision einer menschlicheren Welt nennt, in der wir fähig werden zu "Güte ohne Nachsicht, Mut ohne Fanatismus, Intelligenz ohne Verzweiflung, Hoffnung ohne Verblendung..."

 

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