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Werner-von-Siemens-Gymnasium
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Die Glocke

Die Glocke, die in der Privaten Oberschule Nikolassee zur Pause bzw. zur Stunde rief, wurde in den dreißiger Jahren immer noch per Hand geschwungen: es war eine richtige alte Bolle-Glocke, so wie sie Bolle heute noch in seinem Firmenzeichen hat. Damals fuhr Bolle seine Erzeugnisse noch täglich mit Fahrzeugen oder Pferdegespannwagen durch die Straßen und belieferte die Kunden an der Haustür. Dazu wurde vom Kutscher oder Fahrer mit der gleichen Glocke kräftig geläutet und zum Kauf aufgefordert. Wenn wir "guten Grund" dazu hatten und uns mit dem Bolle-Fahrer gutstellten, tat er uns den Gefallen, so vorbeizukommen, daß er zehn Minuten vor Stundenende vor der Schule tüchtig mit der Glocke bimmelte. Wir hatten Erfolg; die Schulstunde wurde vorzeitig beendet. Wohl anläßlich des dreißigjährigen Bestehens der Schule (1939) erhielt Frau Lehwess als Geschenk eine elektrische Klingelanlage: ein modernes Pausenzeitalter begann - leider. Aus Pietät erhielt die alte Bolle-Glocke zu ewigem Angedenken einen Ehrenplatz in einer Glasvitrine im Schulflur.

Als wir eines Tages mit der Sportstunde vorzeitig aufgehört hatten und abwartend im Flur standen, reizte mich die Erinnerung: Ich öffnete die Vitrine, nahm die Glocke und schickte die Schule erfolgreich vorzeitig in die Pause. Ich erhielt einen Tadel (drei Tadel bedeuteten Schulverweis) und von meiner Klassenleiterin Frau von Manteuffel, die Strafarbeit mit dem Thema "Adel verpflichtet".

Wir bekamen eine neue Mathematiklehrerin. Sie stellte sich mit dem Hinweis vor, ihr Name komme nicht von "Schwanz". Als Frau Schwenzer mir eine sehr gut gelungene Arbeit zurückgeben wollte, fragte sie zuvor: "Tadel weg - oder eine 1?" Ich verzichtete auf die 1. Seit dem Sommer 1939 wurde mit der neuen Schulglocke Fliegeralarm geübt. Immer wieder mußten wir schnell antreten und geordnet die Schutzräume aufsuchen. Als die Glocke dann eines Tages versehentlich Alarm läutete, reagierten alle völlig konfus, und jede Planung geriet durcheinander. Man sah, wie sinnlos angesagte Probealarme sind. Zwei andere Erinnerungen: In unserer Aula versammelten wir uns nicht nur zu den Montagmorgen-Andachten, sondern auch zu jeder Hitler-Rede, die im Rundfunk übertragen wurde. Den Inhalt seiner Reden haben wir nicht verstanden, wir fragten uns nur, warum er so furchtbar schreit. - Übrigens kam er einmal zu Frau Lehwess, obwohl sie jüdischer Abstammung war; aber sie war auch die Schwägerin von General Litzmann, und der feierte 1935 in ihrem Haus seinen 85. Geburtstag. Vor seinem Besuch wurde vom Haus zur Straße ein roter Teppich ausgerollt.

In der 7. Klasse mußten wir bei Frau Lehwess einen Aufsatz schreiben: "Meine Ahnen". Für mich wurde das eine der erkenntnisreichsten Arbeiten meiner Schulzeit, und ich habe sie heute noch und bewundere die gestochene deutsche Schrift, in der wir damals geschrieben haben.

Gisela Blunk von Bismarck

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