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Werner-von-Siemens-Gymnasium
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Hinter dem Eisernen Vorhang

Erinnerungen an die Schule? Ab und zu, wenn es mich mal nach Schlachtensee verschlägt, werden Erinnerungen geweckt, allerdings nicht nur positive. Aber ich muß gestehen, daß es doch Momente gibt, in denen ich ganz stark zurückdenken muß, besonders an ein Ereignis, an das ich wirklich nur positive Erinnerungen habe.

Das erste Mal, als ich ganz intensiv wieder an dieses Ereignis dachte, war anläßlich meiner Reise mit der Transsib von Peking nach Berlin vor drei Jahren, auf der ich einen Tag Aufenthalt in Moskau hatte. Als ich dort so herumlief, wurde mir bewußt, wieviel sich geändert hatte seit unserer Reise 5 Jahre zuvor: 2 Schülerjahrgänge aus Geschichts- und Erdkundeleistungskursen zusammen ins kommunistische Ausland, damals wirklich noch nicht eine alltägliche Sache.

Ich erinnere mich, daß jemand (war es eine Angehörige eines Schülers?) versuchte, mit allen Mitteln zu verhindern, daß wir dorthin fuhren, einfach weil sie (er?) Angst hatte, uns zu den feindlichen Roten fahren zu lassen.

Das mag lächerlich klingen, damals war es eine ganz ernste Angelegenheit. Es gab in meinem Jahrgang genug Schüler, die so eine Reise nie gemacht hätten, da sie der Meinung waren: Lieber tot als rot!

Nun gut, das Gefühl der Kontrolle war uns auf der ganzen Reise gegenwärtig, aber vielleicht wurde das uns vorher auch nur eingeredet, z.B. daß uns strikt verboten wurde, irgend etwas Schriftliches mitzunehmen, und wir schon Angst an der Zollkontrolle hatten, daß uns etwas passiert.

Was für ein Unterschied 5 Jahre später! Wir fühlten uns einfach unendlich frei, hatten keinerlei beklemmendes Gefühl mehr, tauschten auf offener Straße Rubel, schliefen nachts in abgestellten Waggons. Jede Reglements, die unsere Reise 5 Jahre zuvor begleitet hatten, waren verschwunden, vielleicht auch nur in unseren Köpfen.

Aber schon bei der 1. Reise fiel uns die Freundlichkeit der Russen auf, obwohl uns damals der Spaß wichtiger war und wir nicht unbedingt auf gesellschaftliche und politische Probleme achteten, die für uns beim 2. Mal unterschwellig doch ganz stark zu fühlen waren.

Andere Eindrücke hingegen wurden bestätigt, so war ich von der Stadt an sich noch mehr begeistert als beim ersten Mal, unter anderem wohl auch deswegen, weil wir in Viertel gingen. in die wir damals nicht konnten oder uns nicht trauten, sie anzusehen. Ich weiß noch, daß ich mir mutig vorkam, als ich alleine durch die Stadt ging oder mit dem Bus in einen Außenbezirk fuhr.

Dieses Gefühl der Angst war nach 5 Jahren völlig verschwunden. Es wurde mir bewußt, was innere Freiheit bedeuten kann. Aber auch, daß es ohne Glasnost und Perestroika nicht möglich gewesen wäre.

Die 1. Reise war sicherlich Anlaß, daß ich mich sehr für Land und Leute interessierte, sämtliche russische Klassiker, wie Dostojewski oder Tolstoi verschlang, und sogar einen Russischkurs belegte, um mehr Zugang zu jener Kultur zu bekommen.

Gabriele Ulich (Abi 84)

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