Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Werner-von-Siemens-Gymnasium
Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite / Geschichte / Aus alten Festschriften / Le Troisiéme Etat - Der Dritte Stand

Le Troisiéme Etat - Der Dritte Stand

Um von vornherein kein Mißverständnis aufkommen zu lassen: dies ist weder ein Beitrag des Fachbereichs Geschichte zum vorrevolutionären Frankreich noch ein Beitrag des Fachbereichs Französisch zur Entwicklung der Demokratie im 18. Jahrhundert. Und irgend jemand in Preußen ist auch nicht gemeint.

Vielleicht ist dann der Titel in den gestrengen rahmenplangeschulten Augen eines Germanisten sogar verfehlt, aber er ergibt sich ganz einfach durch Abzählen. Da existiert nämlich, von vielen gar nicht wahrgenommen und von manchen gerne übersehen, ein Gesetz des Landes Berlin, in dem die Welt (Pardon: die Schule) durch drei geteilt wird, in drei "Stände" also. Zuvorderst gibt es da den wichtigsten, den "Ersten Stand": das sind die Lehrer. Wenn man seiner Lebenserfahrung trauen darf, so sind häufig die Erstgenannten die wichtigsten, aus ihrer Sicht zumindest. Jedenfalls sind sie der teuerste Teil, vom Standpunkt des Finanzsenators betrachtet. Doch unser Thema sind sie nicht.

Dann ist da der "Zweite Stand", die Schüler. Sie haben das Privileg, daß die ganze Einrichtung ihren Namen ihnen gegeben hat. Das scheint darauf hinzudeuten, daß sie sich in einer engen Beziehung zu "ihrer" Institution befinden, zumindest während ihrer "aktiven" Zeit. Eine solche Beziehung wirklich zu finden, gelingt durchaus manchem von ihnen, aber, wie das Leben lehrt, verbessert sie sich meist erst in der Erinnerung. Im letzteren Fall nennt man solche Exemplare dann Ehemalige oder bei uns "Exen".

Daß die besagte Einrichtung Schule heißt und nicht etwa (das wäre vom Ersten Stand abgeleitet) "Lehranstalt" (was ja in einschlägigen Filmen üblich ist, die nur ein Zerrbild der heilen Wirklichkeit widerspiegeln), kann nicht deutlich genug betont werden. Sie heißt im übrigen auch nicht kulturpolitisches Experimentier- oder Exerzierfeld!

Schließlich gibt es da noch den besagten "Dritten Stand", die sogenannten Erziehungsberechtigten. Da der Gesetzestext diesen Begriff nur sehr sparsam gebraucht (ob, weil sein Inhalt vom Zweiten Stand mit zunehmendem Alter als wirklichkeitsfremd betrachtet wird oder weil der Umgang mit ihm für die Autoren des Gesetzes zu kompliziert erschien, sei dahingestellt), wollen auch wir sein landläufiges Synonym verwenden: die Eltern. Die Eltern, wir also, wissen das zu schätzen, daß wir in einem Text genannt sind, der den Begriff "Verfassung" in Zusammenhang mit der Schule bringen will. Dahinter muß offensichtlich mehr stecken, als daß man der Tatsache Rechnung tragen wollte, daß durch unsere Aktivität den Lehrern die Kundschaft (den Begriff des "Materials" wollen wir an dieser Stelle unterdrücken) nicht ausgeht.

Was ist denn der tiefere Sinn für die Erwähnung des Dritten Standes? Mit den Augen des Gesetzes gesehen, haben die Eltern recht, nicht immer, wer hätte das schon, - nein, sie haben ein Recht, das Recht nämlich, mitzuwirken und mitzubestimmen. Auch das wird wiederum von vielen gar nicht wahrgenommen und von manchen gerne übersehen. Mitwirken und mitbestimmen, wobei?, das ist hier die entscheidende Frage: bei der Erfüllung der Unterrichts- und Erziehungsaufgabe der Schule. So einfach das Gesetz es sagt, so zentral hört sich dieser Anspruch an - und muß deshalb umgehend etwas eingeschränkt werden, wie es sich für den Dritten Stand gehört, nämlich durch die Maßgabe des Gesetzes. Trotzdem, man liest es und man liest es noch einmal. Dann betrachtet man nachsinnend die Realität und weiß eigentlich nicht so recht, wie man mit so einem maßgegebenen Recht umgeht. Man fragt sich unwillkürlich, ob man mit ihm sogar schon einmal umgegangen ist, unbewußt vielleicht, ohne auf die Konsequenzen geachtet zuhaben. Hat es etwa welche gehabt, Konsequenzen nämlich, kann man sie verantworten, die unbemerkten. Doch - richtig, da gab es ja diese Elternabende, an denen die Lehrer, im vollen Bewußtsein ihres Standes, ihre Beurteilung der Klassensituation verkündeten, die es zu verbessern gelte (was sonst), und uns mahnten, doch darauf zu achten, daß die Schulmappen nicht zu schwer würden. Und war da nicht noch die Sache mit der Pünktlichkeit und den Fahrrädern am Schulzaun? Richtig, da war sie doch, die Unterrichts- und Erziehungsaufgabe. Und dann gab es auch noch das eine oder andere Fest, wo man uns brauchte - wegen einer adäquaten Räumlichkeit oder der Bouletten und Getränke, - halt, den Nudelsalat nicht vergessen. Wenn es allerdings darum ging, den Kurs zu bestimmen, ob und wohin die Schule "dampfte", da war der Erste Stand kompetent zur Stelle.

Zugegeben, als Dritter hat man es nicht leicht. Der Erste reklamiert seine Ausbildung und Erfahrung. So wird es schließlich honoriert. Der Zweite will sich emanzipieren. Auch das ist erklärtes Ziel der Unternehmung. Jedes Engagement des Dritten konkurriert also mit der Professionalität des Ersten und ist ein Hindernis für die Entfaltung und Kreativität des Zweiten. Bleibt uns wieder einmal nur das Wirken im Stillen. Wie immer nehmen viele diese Erkenntnis so wörtlich, daß es nur für die Stille und nicht mehr für die Wirksamkeit reicht, nicht unbequem, dieser Standpunkt, zugegebenermaßen.

Und doch, es führt kein Weg vorbei, haben wir Eltern eine große Verantwortung. Das kommt ganz einfach daher, daß wir die meisten sind - eben der Dritte Stand. Man mag überrascht sein, aber es ist schnell nachzurechnen. Da viele Schüler zwei Eltern haben, müßte es logischerweise mehr Eltern als Schüler geben. Daß es weit weniger Lehrer als Schüler gibt, dafür sorgt schon die Lehrerstundenberechnung. Also haben die Eltern ohne Frage die Mehrheit, die schweigende, versteht sich, sonst würde man der Mitwirkung und Mitbestimmung nicht mehr Herr. Und beherrschbar muß doch alles bleiben.

Aber hie und da melden wir uns doch zu Wort. Es gibt da so einige Fragen, die sich dem Zweiten Stand im täglichen Stundenplangetriebe vielleicht nicht so deutlich stellen und für den Ersten gar keine mehr sind. Es sind einfache Fragen, standesgemäß einfache Fragen, dem Dritten Stand entsprechend.

Wo die Schüler herkommen, ist uns klar, aber woher kommen ihre Noten? Noten sind ein integraler Bestandteil eines Schülers. Man kann ihn sich schlicht nicht ohne sie vorstellen. Deshalb ist die Frage wichtig. Noten wollen, so denkt man sich, etwas aussagen, indem sie etwas abbilden, etwas Komplexes, voller innerer Strukturen, Widersprüche und Interdependenzen, so etwas wie einen Menschen, einen Schüler nämlich. Sie bilden es ab auf eine verschwindend geringe Teilmenge der natürlichen Zahlen mit nichts als Nichts zwischen sich. Da muß doch unendlich viel Information auf der Strecke bleiben. Und trotzdem glauben alle an diesen Maßstab, vielleicht weil das Ergebnis so überschaubar einfach erscheint. Man muß ja nur zweimal bis drei zählen. Die einen erfüllt es geradezu mit Stolz, wenn diese Zahlen klein sind, und andere mit Niedergeschlagenheit, oder sie sind tief verletzt, weil sie sich ungerecht behandelt fühlen, wenn sie größer werden. Da ist es doch ganz entscheidend, nach welchem Verfahren und nach welchem Ermessen der Schülerextrakt komprimiert wird, ob die Betroffenen aus dem Zweiten Stand das Gesetz kennen, nach dem sie angetreten sind, und ob es gleichmäßig und transparent angewandt wird, damit ein Anstrich von Gerechtigkeit entstehen kann. Was wird wie beurteilt? Fähigkeiten, Fertigkeiten, Fleiß, Intelligenz, Eigenständigkeit, Urteilsvermögen ...? Fragen, die, wie sich herausstellt, wenn man sie so unbefangen formuliert, von vielen Eltern, die die Zeugnisnoten immerhin per Unterschrift zur Kenntnis nehmen, und auch von manchen Lehrern, die ein Arbeitsleben mit Notengeben zubringen, lange nicht mehr zu Ende reflektiert wurden. Es gerät auch hier leicht der Mensch zur Masse und die Arbeit zur Routine, natürlich.

Oder die Frage, wofür die Schule ihre Unterrichts- und Erziehungsaufgabe erfüllt, noch einmal das Schulverfassungsgesetz zu zitieren. Was ist das Erziehungsziel? Kulturtechniken oder Kultur? Informationstechnik oder Kommunikation? Fachwissen oder Lerntechnik? Experte oder Persönlichkeit? Lernen oder Leben? Sicher sind das (das weiß auch der Dritte Stand) jeweils keine ausschließlichen Alternativen, wie das Leben nie ausschließlich schwarz oder weiß ist, sondern oft genug grau. Und doch müssen solche Fragen immer wieder gestellt werden zwischen den täglichen Formeln und Vokabeln, Sport und Grammatik, Funktionen und Kunst. Fragen von außerhalb der "Käseglocke". Bewußtmachen ist angesagt.

Das scheint mir eine wesentliche Aufgabe des Dritten Standes - auf vielen Ebenen: der Welt einen Zugang zur Schule und der Schule einen Zugang zur Welt zu verschaffen - oder, wir sind bescheidener, dazu einen Beitrag zu leisten; und zwar durch Fragen, penetrante, unbequeme, naive und tiefschürfende. Zur Bezugswelt der Schule gehören die Praxis, der Beruf, die Politik, die Gesellschaft, die Zwischenmenschlichkeit und auch die persönliche Perspektive.

Der Dritte Stand auf Fragen reduziert, auf Hinterfragen allenfalls? Ein fragwürdiger Stand.

Wenn man die Schulgeschichte studiert, dann findet sich immer wieder der Hinweis auf eine Elternschaft in Aktion, wenn es um die Existenzfrage ging. Die heutigen Zeiten erscheinen vergleichsweise weniger dramatisch - oberflächlich betrachtet. Doch heute geht es um das Profil der Schule, ihr fachliches, ihr inhaltliches und ihr menschliches Profil, ein Profil, mit dem sich alle identifizieren können, und ein Profil, das in der Zukunft trägt. Die Zukunft ist offen für die Schule wie für die Stadt, in der sie sich behauptet hat. Der Blick könnte unvermauert schweifen, wenn man den gesenkten Kopf hebt. Es ist eine Zeit, da die Weichen in Deutschland und in Europa neu gestellt werden und alte insulare Geleise ernsthaft auf ihre Tragfähigkeit hin abgefragt werden müssen. Wo fährt der Gesellschaftswaggon hin? Welche Erscheinungsform (wie-"ständig", wieviel zügig) wird sich unserer Schule noch bemächtigen, die einst ein Lyzeum war? Ein wenig Titanic-Gefühl wird man nicht los. Hier kann sich bewähren, was in den letzten Jahren gewachsen ist: eine enge, eine wache, eine vertrauensvolle "zwischenständische" Kooperation.

Wolfgang Buck

Navigation