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Werner-von-Siemens-Gymnasium
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Ulrich Gressieker

Ulrich GressiekerFotografien - lange nicht mehr von uns betrachtet - haben die Eigenschaft, uns fortzuführen in eine Welt und uns das Gegenwärtige vergessen zu lassen. So ging es mir im vergangenen Sommer. Durch Zufall kam mir ein altes Foto in die Hand, und ich sah mich um fast 30 Jahre zurückversetzt.

Im November 1962 besuchte ich bereits seit mehreren Monaten als "stolze" Siebtklässlerin die Malwida-von-Meysenbug-Oberschule. Der Jahreszeit entsprechend wurde es draußen früh dunkel; um so heller wirkte auf mich der große Raum des Evangelischen Gemeindehauses im Kirchweg, der voller Menschen war, die gespannt auf den Beginn des Schauspiels "Iphigenie und Taurus" von Goethe warteten. Herr Lucke, mein damaliger Klassenlehrer, hatte das Stück lange mit Schülern der 12. Klasse eingeübt.
Ulrich Gressieker, 1960Was ist mir, die ich damals erst wenige Bühnenstücke kannte, von der "Iphigenie" in Erinnerung geblieben? Die beeindruckende schauspielerische Leistung aller Mitwirkenden, das sparsame Bühnenbild - zweifelsohne die gute Inszenierung! Einer der "Schauspieler" aber hat sich mir auf besondere Weise ins Gedächtnis eingeprägt: Ulrich Gressieker.
   Er spielte den Orest. Iphigenies jüngsten Bruder und Mörder seiner Mutter Klytaimnestra derart überzeugend, daß ich mir - und so geht es vermutlich vielen, die ihn damals sahen - keinen passenderen vorzustellen vermag. Ulrich war Orest, er lebte seine Rolle! Ich sehe ihn auf einem Stein sitzen, den schmalen blonden Kopf mit den feinen Zügen und dem kräftigen Mund nach vorn gebeugt, verzweifelt, nicht mehr an eine günstige Wendung seines Schicksals glaubend. - Mit einer etwas metallen klingenden Stimme sprach, schrie er von den ihn verfolgenden Furien. Und als ihn Iphigenie/Andrea von Massenbach endlich von der Gewissensqual erlösen konnte, blieb das für ihn so typische, leicht ironische Lächeln. Ulrich -den Schalk im Nacken und dabei äußerst feinfühlig - war sich seines Talents bewußt. Er begeisterte nicht nur das Publikum, sondern er zog auch seine Mitspielerin seinen Bann, in den Dialogen mit ihm konnten sie sich sicher fühlen.

"Orest" - er ist Schauspieler und Synchronsprecher geworden.

Antje Leißner (Abi 69)

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