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Werner-von-Siemens-Gymnasium
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Ansprache des Schulleiters, Oberstudiendirektor Dr. Helmert

Sehr verehrte gnädige Frau! Meine Herren der Firma Siemens!
 
Meine Herren Senatoren! Herr Bürgermeister!
 
Meine Damen und Herren! Liebe Schülerinnen und Schüler!
 
Namen können "Schall und Rauch" sein; sie können aber auch etwas vom Wesen und der Eigenart ihrer Träger widerspiegeln. Und in der Tat ist der alte Name unserer Schule eine Zeitlang fast ein Symbol gewesen, entstanden und empfunden in der einmaligen Situation der ersten Nachkriegsjahre. Mit dem Wandel der Zeit aber mußte zwischen Abbild und Wirklichkeit eine sich allmählich vergrößernde Diskrepanz sichtbar werden. Sie weckte den Wunsch, Weg und Ziel dieser Schule neu zu bestimmen und durch eine Änderung des Namens auch nach außen deutlichzumachen.
 
Eltern und Lehrerkollegium haben viele Möglichkeiten erörtert, konnten aber zunächst zu keiner einheitlichen Auffassung gelangen. Im vergangenen Herbst wurde dann die Anregung an uns herangetragen, mit WERNER VON SIEMENS den Namen des 1935 geschlossenen Berliner Realgymnasiums wiederaufleben zu lassen. Sie wurde mit großer Tatkraft unterstützt von Herrn Rimbach als dem Vorsitzenden der Ehemaligen dieser Schule. Nach gründlicher Beratung folgten dem Gedanken Lehrerkollegium, Elternausschuß und Schülermitverantwortung einmütig. Die Zehlendorfer Schuldeputation verschloß sich unseren Wünschen nicht, und so kann heute, nach der endgültigen Zustimmung des Senats, der gemeinsame Wunsch aller Glieder unserer Schulgemeinschaft Wirklichkeit werden.
 
Ich möchte hier allen Beteiligten, allen Behörden und Gremien für ihr Verständnis und ihre Unterstützung danken, insbesondere aber der Familie von Siemens und der Siemens Aktiengesellschaft.
 
Meine Damen und Herren, wir meinen, den richtigen Namen im rechten Augenblick gewählt zu haben.
 
Nach dem Umzug unserer Schule in dieses Haus hier, in dem uns jetzt größere, angemessene Fach-Arbeitsräume zur Verfügung stehen, kann vom kommenden Jahre ab im Rahmen des Hamburger Abkommens auch endlich von den mittleren Klassen her der Aufbau eines naturwissenschaftlichen Typs der Oberstufe beginnen, und zwar neben dem neusprachlichen Schwerpunkt. Wie dringend notwendig eine solche Ergänzung ist, bedarf wohl keiner Erläuterung mehr.
 
Die personellen Veränderungen, die Erweiterung des Lehrerkollegiums, sollten auch auf dieser Seite die Voraussetzungen schaffen, daß wir alle Möglichkeiten ausschöpfen können. So haben wir nicht nur das Gebäude gewechselt; vor allem die innere Struktur unserer Schule ist im Wandel begriffen.
 
Auf welchen Weg wir uns begeben, das soll nun deutlich werden durch den neuen Namen WERNER VON SIEMENS.
 
Dieser Mann und sein Werk standen kürzlich im Mittelpunkt weltweiter Ehrungen und Würdigungen. In Berlin gedachte man im Dezember seines 150. Geburtstages und zugleich der 100. Wiederkehr des Jahres, in dem er das dynamoelektrische Prinzip entdeckte, mit dem ein neuer Abschnitt unseres technischen Zeitalters begann. Es kann nicht meine Aufgabe sein, seine bedeutenden Leistungen für den neuen Industriezweig zu schildern; die von ihm begründete Firma und ihre Erzeugnisse sind jedermann ein Begriff. Ein ganzer Stadtteil mit Produktionsstätten, Wohnsiedlungen und Verkehrsanlagen trägt den Namen Siemens; das Werk ist heute der größte industrielle Arbeitgeber in Berlin. Wir können nur hoffen, daß von dieser nüchternen Wirklichkeit der Arbeitswelt, ohne die unser aller Existenz nicht mehr vorstellbar wäre, ein wenig auch in unserer Schule spürbar und wirksam werde. Wir möchten gerne in gutem Kontakt mit der Firma unsere Schülerinnen und Schüler ahnen oder vielleicht sogar erleben lassen, welcher Geist seines Gründers noch heute in diesem Unternehmen lebendig ist: einmal der Drang nach immer neuer Erkenntnis und Weiterentwicklung in der Verbindung von Wissenschaft und Technik - zum anderen ein Arbeitsethos, das strenge Forderungen an sich selbst und an andere bedeutet, aber tiefes menschliches Verständnis einschließt sowie ein im weitesten Sinne soziales Verhalten, das heute wie damals staatlichen Maßnahmen weit vorauseilt.
 
Hinter all dem wird der Mensch Werner Siemens sichtbar. Ihn unseren Schülern nahezubringen, wird eine wichtige Aufgabe sein. Hohe wissenschaftliche und technische Begabung, Fleiß, Energie und Zielstrebigkeit zeichnen diesen so ungewöhnlich schöpferischen Mann aus. Wir bewundern seine Tatkraft und seinen Wagemut als Unternehmer, ebenso aber auch seinen sehr stark ausgeprägten Familiensinn und nicht zuletzt die Selbstverständlichkeit, mit der er Arbeit und Verantwortung für die Allgemeinheit und den Staat übernahm.
 
Natürlich werden wir uns vor Übermaß und Glorifizierung zu hüten haben, aber nur wenige der großen Menschen seiner Zeit vermögen unsere Jugend noch heute in solchem Maße anzusprechen und ihr immer wieder Ansporn und Vorbild zu sein.
 
Lassen Sie mich nun noch ein letztes sagen: Werner von Siemens war ganz erfüllt vom Glauben an den Fortschritt. Er konnte noch nicht wissen, in welchem Maße die Technik in die Gefahr der Selbstzerstörung führen würde. Wir sind heute um bittere Erfahrungen reicher und stehen vor gewaltigen Aufgaben, die sich aus völlig neuen, ihm noch unbekannten Problemen ergeben. Nicht zuletzt haben uns zwei Weltkriege und der Mißbrauch, ja die Perversion wissenschaftlichen Denkens und technischer Errungenschaften eines nachdrücklich vor Augen geführt:
 
Fortschritt ist nur möglich, wenn der Mensch alle seine geistigen und vor allem sittlichen Kräfte mobilisiert und Herr über seine eigene Schöpfung bleibt.
 
Das Schicksal des ehemaligen Werner-Siemens-Realgymnasiums, die Leiden zahlloser seiner Schüler sollten uns stets eine Mahnung sein. Wir müssen den kommenden Generationen bewußtmachen, daß unsere innere und äußere Existenz, daß Freiheit, Menschenwürde, ja unser physisches Überleben davon abhängen, daß moderne Entwicklung und humane Gesinnung wieder zu der Einheit werden, die Werner von Siemens selbstverständlich war.