Direkt zum Inhalt | Direkt zur Navigation

Werner-von-Siemens-Gymnasium
Benutzerspezifische Werkzeuge
Sie sind hier: Startseite / Geschichte / Werner-von-Siemens / Kindheit und Jugend

Kindheit und Jugend

Werner von Siemens

Aus den Lebenserinnerungen des Werner von Siemens, Kindheit und Jugend nacherzählt und kommentiert

 

- Bist Du der Jugend erst entrückt,
   Schweift oft zum Ursprung hin Dein Blick...

(der Verfasser)

Ob Werner von Siemens gerade diesem Verlangen nachgegeben hat, als er, zuletzt als Fünfundsiebzigjähriger, zwischen 1889 und 1892 seine Lebenserinnerungen aufzeichnete? Im Jahre 1966 erschienen diese in 16. Auflage, und aus dieser Ausgabe schöpfen wir im folgenden unser Wissen.

Weshalb er seine Lebenserinnerungen schrieb? Um den Lesern zu zeigen, daß es ein Mensch auch ohne ererbte Mittel und einflußreiche Gönner, ohne richtige Vorbildung, vielmehr aber durch eigene Arbeit zu etwas bringen könne. Geboren wurde er am 13.12.1816 in Lenthe bei Hannover, und dort verlebte er seine Kindheit auf dem väterlichen Pachthof. Man stelle sich vor, wie der fünfjährige Werner von seinem Vater eines Tages den Auftrag erhielt, seine achtjährige Schwester zur Strickstunde ins Pfarrhaus zu begleiten, mit einem Stock bewaffnet, um dort den gefährlichen Gänserich, den Hüter des Pfarrhofes, in die Flucht zu schlagen, seiner Schwester einen Weg bahnend. Leicht hätte alles schiefgehen können, aber das waghalsige Unternehmen gelang, denn der Ganter stob zischend und schnatternd davon, das Pfarrhaus war sicher erreicht. Werner von Siemens feierte diesen seinen ersten Sieg, und dieser Sieg prägte sich tief in sein kindliches Gemüt ein, habe er ihn doch später in schwierigen Lebenslagen unbewußt dazu angespornt, "drohenden Gefahren nicht auszuweichen, sondern sie durch mutiges Entgegentreten zu bekämpfen."

Zunächst kümmerte sich auf dem väterlichen Hof Werners Großmutter um die Erziehung des Jungen. Sie spielte nicht etwa Memory mit ihm, wie es heutzutage Eltern oft mit ihren Kindern tun, sondern ließ ihn zahllose Gedichte auswendig lernen, um sein Gedächtnis zu trainieren.

Wir wollen offenlassen, wie nachhaltig dieses probate Mittel wirkte und ob es dem jungen Zögling gefiel. Im Alter jedenfalls sollte Werner von Siemens über ein schwaches Gedächtnis für Namen und Zahlen klagen. In seiner Jugend wurde er gleichfalls von seinem Vater unterrichtet, vor allem in Weltgeschichte und Völkerkunde.

Betrachtet man die historische Karte Deutschlands zu Beginn des 19. Jahrhunderts, so gleicht sie bekanntlich einem bunten Flickenteppich. Werner Siemens wuchs auf in einer Zeit staatlicher Zersplitterung, und früh schon erfüllte ihn die Sehnsucht nach nationaler Einheit und Größe. Er wuchs auf in einer Zeit, als man auf seinen Stand gemeinhin noch etwas hielt, und wer fühlt sich beim Lesen seiner Erinnerungen nicht an die Verhältnisse in der abgesperrten Schorfheide vor der Wende 1989 erinnert, wenn er erfährt, in welchem Maße Hirsche und Wildschweine im halbabsolutistischen Königreich Hannover ohne Berücksichtigung des Flurschadens, den sie zum Leid der vielgeplagten bäuerlichen Bevölkerung anrichteten, zum Jagdvergnügen der englischen Prinzen geschont wurden, und wehe dem, der - wie es sein Vater tat - den Hirschen Zwang angedeihen ließ! Als Werners Vater die politisch rückständigen Verhältnisse in Hannover nicht mehr ertrug, siedelte die Familie nach Mecklenburg-Strelitz um, wo Werner Siemens in Menzendorf glückliche Jugendjahre verlebte.

Mit elf Jahren besuchte er von dort aus die Bürgerschule in Schönberg -- etwa eine Stunde Fußmarsch entfernt. Zu weit? Für ihn keineswegs. Ab Ostern 1829 erhielten Werner und sein Bruder Hans Unterricht bei einem jungen Hauslehrer, einem Theologen namens Sponholz, über dessen pädagogisches Konzept es sich noch heute nachzudenken lohnt:

"Er hat uns niemals gestraft, kaum jemals ein tadelndes Wort ausgesprochen, beteiligte sich aber oft an unseren Spielen und verstand es, dabei wirklich spielend unsere guten Eigenschaften zu entwickeln und die schlechten zu unterdrücken.. Er wußte uns immer erreichbare Ziele für unsere Arbeit zu stellen und stärkte unsere Tatkraft und unseren Ehrgeiz durch die Freude über die Erreichung des gesteckten Zieles... In mir namentlich erreichte er das nie erloschene Gefühl an nützlicher Arbeit und den ehrgeizigen Trieb, sie wirklich zu leisten..."

Zwei Jahre später wurde Werner Siemens Schüler des Katharinen-Gymnasiums (Thomas Mann) in Lübeck. Die alten Sprachen, so führt er aus, seien ihm schwer gefallen, weil ihm ,,das Erlernen der grammatischen Regeln, bei denen es nichts zu denken und zu erkennen gab", zuwider gewesen seien.

Er nahm vielmehr Privatstunden in Mathematik und im Feldmessen, was ihm 1835 den Eintritt beim preußischen Ingenieurkorps verschaffte.

Sein Vater hieß diesen Schritt gut mit den Worten:

"...Der einzige feste Punkt in Deutschland ist. ..der Staat Friedrichs des Großen und die preußische Armee, und in solchen Zeiten ist es immer besser, Hammer zu sein als Amboß."

Begegnet uns Werner Siemens nun als Siebzehnjähriger, so läßt sich von ihm sagen, daß Pflichtbewußtsein, Wahrhaftigkeit und Ehrenhaftigkeit jene Werte waren, die der Vater ihm und seinen Geschwistern zu vermitteln suchte. Dazu kam die Fürsorge der älteren Geschwister für die jüngeren - und Werner Siemens war nach seiner Schwester Mathilde der Alteste unter den verbliebenen Geschwistern.

Seltsam wenig, fast gar nichts, erfahren wir über sein Außeres, jedenfalls erschien es Werner Siemens nicht erwähnenswert. War er ein Mensch ohne Eitelkeit? Nichts erfahren wir über sein Verhältnis zu Religion und Kirche. Haben weltanschauliche Fragen für den jungen Werner Siemens keine Rolle gespielt?

Im Jahre 1834 schnürte Werner Siemens seinen Ranzen und wanderte von Schwerin aus nach Berlin, der preußischen Hauptstadt mit damals einer Viertelmillion Einwohnern. Nachdem ihn sein Vater vom mecklenburgischen Militärdienst freigekauft und der Oberst von Scharnhorst beim preußischen König die Erlaubnis erwirkt hatte, einen ,,Ausländer" in den preußischen Militärdienstaufzunehmen,brachte Werner Siemens nach bestandenem Eintrittsexamen in Mathematik, Geschichte, Geographie und Französisch die Zeit vom Herbst 1835 bis zum Sommer 1838 auf der Berliner Artillerie- und Ingenieurschule zu, eine Zeit, die ermit dem Artillerieoffizierexamen abschloß.

In dieser Zeit widmet er sich seinen Lieblingswissenschaften, der Mathematik, der Physik und der Chemie. In einer dienstlichen Beurteilung aus dem Jahre 1839 werden ihm gutes moralisches Betragen, lobenswerter Diensteifer und recht gute wissenschaftliche Bildung bescheinigt.

Da plötzlich geschieht es! Im Jahre 1840 wird er zu einer Festungshaft in der Zitadelle Magdeburg verurteilt, da er verbotenerweise als Sekundant an einem Duell teilgenommen hat. Hier, hinter Gittern, setzt er seine elektrolytischen Versuche fort - und es gelingt ihm die galvanische Vergoldung und Versilberung von Metallen. Für 40 Louisdor verkauft er das Recht zur Anwendung seines Verfahrens an einen Magdeburger Juwelier und erhält prompt die benötigten Mittel für weitere Versuche. Zu seinem Schrecken wird er aber nach einem Monat schon begnadigt, erbetene Haftverlängerung zur Fortfühmng seiner Studien im Knast wird ihm nicht gewährt. Er wird abkommandiert zur Lustfeuerwerkerei in der Zitadelle Spandau, brennt auftragsgemäß ein farbigbuntes Feuerwerk im Park des Prinzen Friedrich Karl ganz schnell und nebenbei in einer Segelwettfahrt - ihn, der ihm so entschlossen und tatkräftig, ja schneidig, erscheint - und wird bald darauf zur Artilleriewerkstatt in Berlin versetzt, wo er seine naturwissenschaftlichen Studien fortsetzt und wo er vor allem als Familienältester seinen Verpflichtungen gegenüber den jüngeren Geschwistern nachkommen kann.

Hier gelingt es Werner Siemens im Zusammenwirken mit seinem Bruder Wilhelm, einen Differenzregulator zur Regulierung von Dampfmaschinen zu entwickeln, und allmählich bringen ihm seine Erfindungen Geld ein, vor allem, nachdem er am 18.11.1842 mit der Neusilberfabrik von J. Henniger einen Vertrag abgeschlossen hat, der ihn an den Einkünften bei der Vergoldung und Versilberung auf galvanischem Wege beteiligt. Seinem Bruder Wilhelm gelingt es mit großer Verhandlungskunst, diese galvanischen Patente an die Firma Eikington in England für die stattliche Summe von £ 1.500 zu verkaufen, gleiches geschieht auch mit der Erfindung des Differenzregulators...

Hier verlassen wir Werner Siemens, der, immer noch ein "Twen", seine Lebensrichtung neu bestimmen und wissenschaftliche Studien betreiben wird.

Welche Eigenschaften nun gehören in erster Linie zu den Persönlichkeitsmerkmalen des jungen Werner Siemens?

Da sind zunächst einmal bestimmte Grundüberzeugungen zu nennen, die ihm etwas galten: persönlicher Mut, ja Zivilcourage, Pflichtbewußt sein und Fleiß, soziales Verantwortungsgefühl und Durchhaltevermögen. In politischer Hinsicht sind wir seiner Leidensfähigkeit gegenüber politischer Willkür und seiner Sehnsucht nach Deutschlands Einheit begegnet. Sicherlich kann man nicht Erfinder auf Bestellung werden - dazu muß einem wohl einiges in die Wiege gelegt worden sein. Hinzu kommen bei Werner Siemens weitere Qualitäten, die er in reichem Maße besaß: er war wißbegierig und lernbereit, experimentierfreudig und voller Unternehmungsgeist - vor allem, er konnte fragen und staunen. Staunen können und Fragen stellen sind vielleicht die wichtigsten Grundeigenschaften eines Wissenschaftlers. Bei ihm verbanden sich Können und Wollen, Fähigkeiten und packender Zugriff, Erfindergeist und Unternehmertum - um die nötige Fortune als schicksalhafte Beigabe - Ecksteine des Erfolges.

Und wer wollte behaupten, daß sich mit diesen Bausteinen nicht auch heute noch ein sicheres Fundament legen ließe?

 

Jürgen Hembd